13 Dezember 2008 - 00:00 -- Nichtraucher

Mal ein paar ungeordnete Gedanke zu Sherlock Holmes

Sherlock Holmes, wie wir ihn kennen


Quatsch mit Soße!!!

Erstmal ist es ganz klar Trivialliteratur, da gibt es kein Vertun, aber im besten Sinne. Aus den immer selben Zutaten werden hochgradig unterhaltsame Geschichten gesponnen, wobei auch der Wortschatz schnell seine Grenzen findet, ein Baukastenprinzip. Was mir als Nichtmuttersprachler ganz recht ist, Doyle ist wirklich erstaunlich leicht zu lesen, besonders wenn man bedenkt, dass er das vor über 100 Jahren geschrieben hat.

Dabei wirkt einiges erstaunlich modern: es gibt Telephone und U-Bahnen, Holmes nimmt Drogen und lebt ein modern anmutendes Junggesellenleben ohne große gesellschaftliche Zwänge. Die wenigen Frauenfiguren sind meist starke, unverheiratete Frauen mit eigenem Einkommen, für die es kein Problem ist, mit zwei Junggesellen bei Nacht und Nebel durch London zu fahren u.ä. Religion spielt keine Rolle, oder wenn sie doch mal auftaucht, dann nur als verachtenswerter Aberglauben, der dem Fortschritt der Menschheit im Weg steht, Wissenschaft und Ratio werden hingegen in höchsten Ehren gehalten.

Anderes liest sich befremdlich und zeigt die Entstehungszeit: Polizisten lassen sich im Dienst ohne zu zögern zu Wein und Whisky einladen, Holmes konsumiert Kokain, Morphium und Opium, das legal erhältlich ist, die bettelnden Straßenkinder Londons werden nicht als soziales Problem wahrgenommen sondern als romantisches Lokalkolorit, sind sie doch Holmes treue Helferlein, die "Baker Street Irregulars". Ein Ureinwohner der Andamanen wird als scheußliches, tierartiges und hässliches Wesen beschrieben, überhaupt dienen fremde Länder und Kulturen allein als exotische Staffage, die ein angenehmes Gruseln ermöglicht. Kultiviertes Leben ist natürlich allein in England möglich.

Korrigierte Weltbilder


Der Holmes in meinem Kopf war immer ein magerer Mann in kariertem Tweed mit Jägermütze, im Mund die obligatorische Pfeife, kühl und rational, ein menschlicher Computer, Watson der leicht trottelige gemütliche Sidekick mit Wohlstandbäuchlein und Schnauzer. Das hat sich korrigiert und ich frage mich, wie dieses Bild überhaupt entstehen konnte. Der Holmes bei Doyle ist ein geschickter Hobby-Boxer, sehnig und kräftig. Er lacht gerne und herzlich, auch über sich selber und ist den Genüssen des Lebens durchaus zugeneigt. Er isst und trinkt gut, liebt die Musik, und kann sehr gut schauspielern. Oft zeigt er soziale Defizite, ihn interessieren die emotionalen Zustände anderer nicht, er kann sie mitunter nicht nachvollziehen und er kann vollkommen in einer Denkaufgabe aufgehen, dann arbeitet er wirklich wie eine Maschine und ist über Tage nicht ansprechbar. Klingt nach leichtem Asperger-Snydrom.
Auf der anderen Seite knüpft er, wenn er verkleidet ermittelt, schnell Kontakte zu Kutschern, Matrosen und Arbeitern, weiß Leute aus verschiedensten Schichten passend zu behanden und ist ein sehr guter Befrager, er kitzelt jede Info heraus, die er braucht. Er hat also durchaus soziale Kompetenzen, setzt sie aber zielgerichtet ein.

Er trägt nie karierte Tweedmäntel und Jägermützen (laut Wikipedia, ich hab noch nicht alles gelesen), das Bild in unserem Kopf hat ein zeitgenössischer Illustrator zu verantworten. Er raucht niemals außerhalb geschlossener Räume Pfeife, das Bild im Mantel mit Pfeife im Mund ist also totaler Quatsch. Er raucht Pfeife wenn er nachdenkt, ist er nervös raucht er Zigaretten, zum Genuss Zigarren.

Watson ist zu Beginn ein abgemagerter Kriegsversehrter, dem eine Soldatenrente ein ungebundenes Leben ermöglicht, mit dem er aber nicht viel anzufangen weiß, er lebt ziellos vor sich hin. Er ist latent pessimistisch, empfindet Holmes oft als arrogant und abstoßend kalt und sieht dessen Drogenkonsum sehr kritisch. Gerne tagträumt er vor sich hin und hat eine romantische Ader, für die ihn Holmes öfter mal aufzieht. Erst später wird er zum seriösen Arzt und Ehemann, ihm bleibt aber immer etwas Unruhiges, Abenteuerlustiges, das ihn immer wieder dazu treibt, mit Holmes auf die Jagd zu gehen. Trottelig ist er kein bisschen, sondern ein guter Beobachter und fähiger Arzt mit sehr guter Allgemeinbildung.

Schwul oder was?


Darüber wurde viel geschrieben, ich denke, die beiden sind so schwul wie Winnetou Frodo und Sam, also eher nicht. Ein viktorianisches Junggesellenverhältnis, was es wohl heute so nicht mehr gibt. Große Verbundenheit, eine Welt, in der Frauen erstmal außen vor bleiben, aber eher nichts Sexuelles. Holmes erscheint sowieso vollkommen asexuell. Interessant ist auch, dass sie nur in ganz wenigen Geschichten zusammen in der Bakerstreet wohnen, zumeist ist Watson bereits verheiratet und hat einen eigenen Hausstand. Auch hier trügt die kollektive Erinnerung. Dann aber passiert es, dass Mrs. Watson zwei Wochen auf Kur ist und es ist für Watson selbstverständlich, dass er in der Zeit wieder bei Holmes einzieht, einfach so, da redet keiner viel drüber. Da könnte man schon eine "Brokeback-Mountain"-Romanze hinzudichten.

Macht auf jeden Fall Spaß, endlich mal das Original zu lesen, man ist ja völlig popkulturell verseucht bei diesem Duo.