27 Dezember 2008 - 13:06 -- Lothiriel

A Midsummer Night's Dream

The Royal Shakespeare Company // Stratford-Upon-Avon

Szenenfoto



Eine schwarze, hochglänzende Bühne. Sechs raumhohe Drehspiegel als Hintergrund. Eine glutrote Abendsonne. Auf der Bühne treffen zwei Kämpfer in stilisierten, griechischen Rüstungen - schwarz und hochglänzend wie der Bühnenboden - aufeinander.

So beginnt Shakespeares Sommernachtstraum in Stratford. Die beiden Kämpfer stellen sich als Theseus, Herzog von Athen, und seine Verlobte, Hippolyta, Königin der Amazonen, heraus. Die beiden fechten einen Trainingskampf aus, bei dem sie sich nichts schenken, als Egeus die Bühne betritt. Egeus hat seine Tochter Hermia, deren Liebhaber Lysander und Verehrer Demetrius im Schlepptau. Demetrius hat bereits bei Egeus um Hermias Hand angehalten und Egeus sähe ihn lieber als Schwiegersohn als Lysander, den er für einen Taugenichts hält. Hermia sieht das natürlich anders und verweigert ihr Einverständnis zur Hochzeit mit Demetrius, weshalb sie von ihrem Vater vor den Herzog gezerrt wird. Egeus beruft sich auf ein altes Gesetz, wonach seine Tochter ihm zu gehorchen hat oder in den Tod gehen muss. Theseus jedoch gewährt ihr eine andere Wahl, nämlich lebenslang keusch zu bleiben und im Tempel der Diana zu dienen. Ich persönlich hätte in dieser Inszenierung gerne etwas mehr Text für Hippolyta gehabt, so wütend, wie die auf ihren zukünftigen Gemahl nach dieser Entscheidung war, wäre das bestimmt eine erheiternde Szene geworden. Naja, wir müssen uns mit Hermia und Lysander begnügen, die ihre Flucht aus Athen planen. Leider ist Hermia zwar wunderschön, aber nicht die hellste Leuchte auf diesem Planeten, und so vertraut sie sich ihrer besten Freundin Helena an. Helena ist total verschossen in Demetrius, der aber Hermia liebt, wir erinnern uns. Um Demetrius für sich zu gewinnen, verrät Helena ihm den Fluchtplan. Diese Logik hat sich mir noch nie erschlossen, sie sollte doch froh sein, wenn die andere weg ist, aber nein, die dumme Nuss verrät ihre beste Freundin an ihren eigenen Traummann, damit dieser die Flucht vereiteln kann und danach glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende mit der anderen zusammenleben kann? Hätte sie mal die Klappe gehalten, dann wäre ihre große Rivalin einfach so von der Bildfläche verschwunden und sie hätte am nächsten Morgen "Uuuuuuuups" gesagt und ihren Demetrius über seinen Verlust hinwegtrösten können.

Aber nein, jetzt wollen sich Hermia und Lysander zwecks Flucht im Wald treffen, Demetrius will ihnen auflauern und Helena läuft Demetrius nach wie ein Dackel. Klingt doch nach einem super Plan.

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Hermia und Helena



Zur Unterhaltung gibt es zwischendurch immer mal wieder eine Gruppe von Handwerkern, die beschließen, auf der Hochzeit von Theseus und Hippolyta ein Theaterstück aufzuführen, namentlich die Tragödie von Pyramus und Thisbe.

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Szenenwechsel, endlich geht's auf in den Wald. Hier treffen wir Titania und Oberon, Königin und König der Feen.

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Titania und Oberon



Beide streiten sich um ein Wechselbalg, Titania will es nicht rausrücken, da es von einer ihrer Anhängerinnen abstammt, Oberon will es aber unbedingt in seinem Hofstaat haben. Sie trennen sich im Streit und der eingeschnappte Oberon beauftragt seinen leicht Dummfug liebenden Diener Puck damit, ihm eine Blume zu besorgen, deren Saft als Liebeszauber zu gebrauchen ist. Diesen Saft träufelt er der schlafenden Titania ins Ohr. Anschließend wird er Zeuge eines Zoffs zwischen Demetrius und Helena, er hat Mitleid mit Helena und empfindet das Verhalten von Demetrius als grausam, also setzt er Puck auf Demetrius an, damit der ihm auch etwas vom Liebeszauber verpaßt und Demetrius sich in Helena verliebt. Weil jetzt aber insgesamt vier verliebte Athener durch den Wald irren, verwechselt Puck die Herren (ich habe da vollstes Verständnis für, vor dieser Inszenierung konnte ich die auch nie auseinanderhalten) und erwischt Lysander, der sich in Helena verliebt. Es folgt viel Herumgeirre durch den Wald, auch Demetrius verguckt sich irgendwann in Helena, die fühlt sich verarscht, weil sie vorher niemand beachtet hat, Hermia zickt rum, weil niemand sie mehr liebt und die beiden Trottel wollen sich auf Leben und Tod duellieren. Oberon schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, was sein Diener da angerichtet hat, und beauftragt diesen, die Liebenden zu trennen und auseinander zu halten, damit man sie später, im Schlaf, neu verzaubern und diesmal richtig sortieren kann.

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Die Liebenden



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Oberon und Puck



Zurück zu den Handwerkern, die müssen natürlich genau in dem Wald proben, in dem sich diese ganzen Dramen abspielen, und Puck macht sich einen Spaß daraus, den Handwerker Bottom in einen Esel zu verzaubern. Als Titania erwacht ist dieser Esel das erste Wesen, das sie erblickt, sie verliebt sich prompt und ist so begeistert von ihrer neuen Liebe, daß sie Oberon ohne mit der Wimper zu zucken das Wechselbalg überläßt.

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Bottom und Titania



Oberon hat also, was er wollte, und entzaubert Titania wieder, Bottom muss nicht länger Esel sein, Lysander darf wieder Hermia lieben, Demetrius bleibt bei Helena und weil das alles ja jetzt endlich paßt beschließt Theseus, daß Hermia nicht in den Tempel oder sterben muss und es eine große Gruppenhochzeit geben soll. Bei dieser Hochzeit dürfen dann auch die Handwerker auftreten, dann dürfen sich auch noch Oberon und Titania versöhnen und Puck darf seine Rede halten:

Szenenfoto


If we shadows have offended,
Think but this, and all is mended,
That you have but slumber'd here
While these visions did appear.
And this weak and idle theme,
No more yielding but a dream,
Gentles, do not reprehend:
if you pardon, we will mend:
And, as I am an honest Puck,
If we have unearned luck
Now to 'scape the serpent's tongue,
We will make amends ere long;
Else the Puck a liar call;
So, good night unto you all.
Give me your hands, if we be friends,
And Robin shall restore amends.



Wie schon erwähnt: Das war die erste Inszenierung, in der ich die vier Liebenden auseinanderhalten und richtig zuordnen konnte! Die wurden bei mir vorher immer nur als "vier Idioten, nichtssagend" geführt. Aber hier? Tom Davey als Lysander: Ein echter Grund, das Schmachten anzufangen! Manmanman, sah der gut aus… Und zusammen mit Edward Bennett als Demetrius bildete er ein echtes Duo Infernale. Bennett hat übrigens eine Stimme und Aussprache zum Niederknien, ich habe auf die Besetzungsliste geschielt und gesehen, daß wir ihn an den beiden darauffolgenden Abenden in Hamlet und Love's Labour's Lost ebenfalls sehen und hören würden (mit jeweils steigendem Textanteil). Für die Herren gab es Kathryn Drysdale als Hermia, die könnte glatt als Double für Eva Longoria durchgehen und lieferte eine wunderbare, sehr energische Hermia ab. Gegenstück dazu war Natalie Walter als Helena, groß, blond, spröde und mit einem tollen, trockenen Humor gesegnet, nachdem sie im ersten Akt nur das blonde Dummchen sein durfte, lief sie am Ende zu echten Hochformen auf.

Die Feen waren natürlich auch in dieser Inszenierung die Abräumer. Oberon und Puck ungewohnt aggressiv und düster, Titania eine sehr würdevolle Königin, wenn auch die meiste Zeit leicht bedröhnt. Und der Hofstaat auf dem Weg zum WGT nach Leipzig, die waren schon sehr gothic. Das Wechselbalg war bestimmt aus einem Horrorfilm entsprungen, es war eine Puppe, die mich unheimlich an Chucky erinnerte. Diesen Feen möchte ich nicht nachts im Wald begegnen, die waren dann doch ein klein wenig fies. Aber sie hatten Spaß daran, alles voran Mariah Gale als First Fairy (ausnahmsweise mal in einer Nebenrolle, sonst spielte sie in dieser Saison noch Ophelia in Hamlet und die Prinzessin von Frankreich in Love's Labour's Lost) und David Ajala als Cobweb. Er kam mir irgendwoher bekannt vor, das Programmheft hat mir dann verraten, daß er einen Kopfgeldjäger in "The Dark Knight" gespielt hat. (Im Film hat er aber zu viele Klamotten an, ich mag die RSC und deren Kostümbildner. Sehr Zuschauerorientiert.)

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First Fairy



Und dann gab's natürlich noch die Handwerker. Joe Dixon war eine echte Rampensau als Bottom, wir haben über ihn Tränen gelacht.

Szenenfoto


Bottom und Titania



Aber meine große Liebe in dieser Inszenierung war eindeutig Ryan Gage als Flute, den seine Handwerkerkollegen dazu bestimmen, in ihrem Theaterstück die weibliche Hauptrolle zu spielen. Diese Thisbe war fucking hilarious, Ryan Gage hat es geschafft, das komplette Theater zum Japsen zu bringen, man kann sehr verzweifelt nach Atemluft ringen, er war göttlich!

Szenenfoto


Thisbe! Ganz klein und ganz links



Das Bühnenbild muss ebenfalls noch erwähnt werden. Es bestand hauptsächlich aus der schwarzen, spiegelnden Fläche und den Spiegeln im Hintergrund. Dazu gab es eine große, leuchtende Kugel, die im Laufe des Stücks in einem Bogen über die Bühne schwebte und anfangs rot beleuchtet die untergehende Sonne darstellte und später in blau den Mond. Dutzende Glühbirnen hingen an langen Kabeln von der Decke und bildeten einen Sternenhimmel, alles zusammen eine schöne, verzaubernde Szenerie, einerseits keiner bestimmten Zeit und keinem bestimmten Ort zuzuordnen, andererseits verdeutlichend, daß sich alles innerhalb einer einzigen Mittsommernacht abspielt. Die Bühne ragt sehr weit ins Publikum, und nimmt fast den gesamten Parkettbereich ein, es gibt zwar tausend Sitzplätze, aber keiner davon ist weiter weg von der Bühne als 10m (das sind die hinteren Plätze im zweiten Rang), dadurch ist man quasi mehr oder weniger mitten im Geschehen. Durch diese Bühnenform gibt es auch kein richtiges "vorne" auf der Bühne, die Schauspieler können ständig von mindestens drei Seiten gesehen werden, keiner kann zur Rampe hin deklamieren, die Szenen wirken alle viel natürlicher, weil sich die Schauspieler nicht in eine Richtung orientieren müssen. Klar, man sieht sie manchmal nur von hinten, aber das stört nicht, das Gegenüber bei Dialogen sieht man dann ja von vorne und die Spielrichtungen wechseln dauernd.

9/10 unfähigen Liebenden